Wenn Entscheidungen keinen Preis haben: Was Thomas Sowell mit TEI zu tun hat
Wenn Entscheidungen keinen Preis haben: Was Thomas Sowell mit TEI zu tun hat
Eine Apothekerin, ein ökonomisches Prinzip und eine unbequeme Frage an die Infrastruktur der Verkehrswende.
Diesen Artikel verdanke ich einer Apothekerin. Nicht, weil sie mir etwas über Mobilität beigebracht hätte.
Sondern weil sie mir einen Gedanken gegeben hat, der erstaunlich direkt zu unserer Arbeit an Transport Energy Infrastructure führt.
Thomas Sowell schrieb sinngemäß:
„Es ist schwer, sich eine dümmere oder gefährlichere Art der Entscheidungsfindung vorzustellen, als Entscheidungen Menschen zu überlassen, die keinen Preis dafür zahlen, wenn sie falsch liegen.“
Ein Satz, der derzeit auf LinkedIn viel Aufmerksamkeit bekommt.
Und wie so oft wird über alles Mögliche diskutiert – über Politiker, Moral, Anstand, Wirtschaft und sogar über „Teeren und Federn“.
Nur über das eigentliche Thema erstaunlich wenig:
Was passiert mit Entscheidungen, wenn zwischen Entscheidung und Konsequenz keine Rückkopplung mehr besteht? Das ist die Frage, die mich interessiert.
Eine Apothekerin hat sie praktisch beantwortet
Lucia Liliana Steinmetz hat ihre Apotheke 20 Jahre als Einzelunternehmen geführt. Eine unternehmerische Entscheidung war damit nicht nur eine abstrakte Entscheidung. Sie hatte unmittelbare Konsequenzen.
Sie hat selbst beschrieben, dass sie mit ihrem Privatvermögen für ihre Entscheidungen einstand. Das verändert Entscheidungen.
Nicht zwingend, weil ein Unternehmer dadurch mutiger oder vorsichtiger wird. Sondern weil die Realität zurückmeldet, ob eine Entscheidung funktioniert hat.
Kapital. Zeit. Reputation. Existenz. Das ist keine Moral. Das ist Rückkopplung.
In ihrer Diskussion über §129 SGB V verwies sie anschließend auf eine Entwicklung, bei der persönliche Haftung in einem Bereich gesetzlich zurückgenommen worden sei. Ob man die konkrete gesetzgeberische Konstruktion nun im Detail beurteilt oder nicht, ihr eigentlicher Gedanke ist wesentlich größer:
Warum entkoppeln wir Entscheidung und Konsequenz genau dort, wo die Tragweite von Entscheidungen wächst?
Diese Frage ist bemerkenswert. Denn sie führt direkt aus der Welt der Apotheke in die Welt der Infrastruktur.
Infrastruktur ist eine andere Größenordnung
Eine Softwareentscheidung kann falsch sein. Dann ändert man die Software.
Ein Produkt kann am Markt scheitern. Dann stellt man es ein.
Ein Geschäftsmodell kann nicht funktionieren. Dann muss ein Unternehmer Kapital abschreiben und neu anfangen.
Infrastruktur funktioniert anders.
Sie wird geplant. Finanziert. Genehmigt. Gebaut. Angeschlossen. Betrieben.
Und sie bleibt. Jahre. Jahrzehnte.
Das gilt insbesondere für die Infrastruktur, die wir bei Modern Mobility unter Transport Energy Infrastructure - TEI verstehen:
Die physische und operative Infrastruktur, die Energie genau dort verfügbar macht, wo Mobilität, Logistik und Industrie sie benötigen.
Ladeinfrastruktur. Energieversorgung. Netzanbindung. Standorte. Kapazitäten. Betriebssysteme. Digitale Steuerung.
Das alles ist kein kurzfristiges Produkt. Es ist ein System.
Und Systeme haben eine unangenehme Eigenschaft:
Eine schlechte Entscheidung kann sehr lange richtig aussehen.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht: Wer hat Recht?
Das ist eine der gefährlichsten Vereinfachungen in Infrastrukturprojekten.
Natürlich müssen Entscheidungen getroffen werden. Natürlich kann niemand die Zukunft kennen. Natürlich darf niemand für jeden Irrtum persönlich bestraft werden. Und natürlich ist nicht jede Fehlentscheidung eine schlechte Entscheidung.
Eine vernünftige Entscheidung kann ex ante richtig sein und sich ex post trotzdem als falsch herausstellen.
Darum geht es nicht.
Die entscheidende Frage lautet:
Wie ist das System konstruiert, damit Fehler erkannt, korrigiert und nicht über Jahre fortgeschrieben werden?
Oder noch einfacher:
Welche Rückkopplung existiert zwischen Entscheidung und Konsequenz?
Genau hier wird Sowells Gedanke interessant.
TEI macht diese Frage besonders relevant
Nehmen wir einen typischen Infrastrukturentscheid.
Wo soll eine Ladeinfrastruktur entstehen? Wie groß muss sie dimensioniert werden?
Welche Netzkapazität wird benötigt? Welche Verkehrsströme werden erwartet?
Welche Fahrzeuge werden dort tatsächlich laden? Welche Energiequelle steht zur Verfügung?
Wie entwickelt sich die Nachfrage? Was passiert, wenn sich eine dieser Annahmen als falsch herausstellt?
Bei einem kurzfristigen digitalen Produkt kann man vieles davon korrigieren.
Bei einem Infrastrukturprojekt möglicherweise nicht.
Dann stehen dort Fundamente.
Kabel. Transformatoren. Netzanschlüsse. Flächen. Investitionen. Verträge. Und langfristige Betriebskosten.
Der Fehler wird physisch. Das ist der entscheidende Unterschied.
Deshalb reicht „Förderung“ als Entscheidungslogik nicht
Europa wird in den kommenden Jahren enorme Summen in die Transformation von Verkehr und Energie investieren.
Das ist notwendig.
Aber Kapital allein baut noch keine gute Infrastruktur. Auch Förderung tut das nicht.
Eine geförderte Infrastruktur kann technisch funktionieren und wirtschaftlich trotzdem falsch dimensioniert sein.
Sie kann am falschen Standort stehen. Sie kann zur falschen Zeit entstehen.
Sie kann Kapazitäten vorhalten, die niemand benötigt. Oder sie kann dort fehlen, wo sie tatsächlich gebraucht würde.
Dann entsteht das, was wir aus anderen Infrastrukturbereichen kennen: Stranded Assets.
Und genau hier entsteht eine unangenehme Frage:
Wenn eine langfristige Infrastrukturentscheidung falsch war, wer bekommt das Feedback?
Wer muss die Entscheidung überprüfen? Wer trägt die wirtschaftliche Konsequenz?
Wer muss erklären, warum die ursprünglichen Annahmen nicht mehr stimmen?
Und vor allem:
Ist das System so gebaut, dass diese Fragen überhaupt gestellt werden?
Das ist kein Angriff auf Politik. Im Gegenteil.
Politische Entscheidungsträger arbeiten unter Bedingungen, unter denen kein Unternehmer freiwillig arbeiten würde:
Sie müssen Entscheidungen unter Unsicherheit treffen. Sie haben unvollständige Informationen.
Sie müssen unterschiedliche Interessen zusammenführen. Und sie tragen Verantwortung für Systeme, deren Konsequenzen teilweise erst Jahre später sichtbar werden.
Deshalb wäre es zu einfach, daraus eine Anti-Politik-Botschaft zu machen.
Das wäre auch intellektuell zu billig.
Die interessantere Frage lautet:
Wie bauen wir Institutionen, die gute Entscheidungen wahrscheinlicher machen – unabhängig davon, wer gerade im Amt ist?
Das ist Systemdesign. Und genau dort wird die Diskussion interessant.
Eine Apothekerin hat daraus eine radikale Frage gemacht
Lucia Steinmetz hat in unserer Diskussion einen Gedanken formuliert, den ich nicht einfach wiederholen, sondern weiterdenken möchte:
Warum nicht über eine Art „Betriebshaftpflicht“ für politische Entscheidungsträger nachdenken?
Nicht als Aufruf zur persönlichen Bestrafung. Nicht als politische Polemik. Sondern als Gedankenexperiment:
Wie würde sich Entscheidungsverhalten verändern, wenn Entscheidung und Konsequenz wieder stärker miteinander verbunden wären?
Ich weiß nicht, ob eine „Betriebshaftpflicht“ die richtige institutionelle Antwort wäre. Wahrscheinlich wäre die Realität wesentlich komplexer.
Aber das Gedankenexperiment ist wertvoll. Denn manchmal braucht man keine fertige Lösung, um zu erkennen, dass die bestehende Konstruktion eine Schwachstelle hat.
Und genau hier beginnt TEI
Bei Modern Mobility beschäftigen wir uns mit Transport Energy Infrastructure, weil wir glauben, dass die nächste Phase der Mobilitätswende nicht allein durch mehr Fahrzeuge oder mehr Ladepunkte entschieden wird.
Sie wird an der Infrastruktur entschieden, die Energie verfügbar macht.
Wo?
Wann?
In welcher Menge?
Mit welcher Netz- und Energiestruktur?
Für welche tatsächliche Nachfrage?
Und vor allem: Auf welcher Entscheidungsgrundlage?
Das ist der Punkt, an dem Accountability für uns mehr bedeutet als ein Managementbegriff. Es bedeutet, die Rückkopplung bereits in die Infrastrukturplanung einzubauen. Nicht erst dann, wenn ein Projekt gescheitert ist.
Accountability by Design
Vielleicht ist das die wichtigste Konsequenz aus dieser Diskussion:
Wir sollten nicht versuchen, bessere Menschen zu finden. Wir sollten bessere Systeme bauen.
Systeme, in denen Annahmen transparent sind. Systeme, in denen Ergebnisse gemessen werden.
Systeme, in denen Abweichungen sichtbar werden. Systeme, in denen Entscheidungen überprüfbar bleiben.
Systeme, die Korrekturen ermöglichen, bevor aus einem Fehler ein 30-jähriges Infrastrukturproblem wird.
Accountability by Design.
Nicht als Bestrafungsmechanismus. Sondern als Rückkopplungsmechanismus.
Denn Verantwortung entsteht nicht erst dadurch, dass jemand nach einem Fehler bestraft wird. Verantwortung entsteht dadurch, dass das System den Entscheider mit der Realität konfrontiert.
Die unbequeme Frage
Thomas Sowells Gedanke wird oft als Angriff auf andere verstanden:
Auf Politiker. Auf Bürokraten. Auf Manager. Auf „die da oben“.
Das greift zu kurz.
Die viel interessantere Lesart ist eine andere:
Wie muss ein System gebaut sein, damit niemand dauerhaft Entscheidungen treffen kann, ohne von ihren Konsequenzen zu lernen?
Das betrifft Politik. Es betrifft Unternehmen. Es betrifft Investoren. Es betrifft Infrastrukturbetreiber.
Und es betrifft uns selbst. Denn auch wir können falsch liegen.
Gerade deshalb brauchen wir Rückkopplung.
Eine Apothekerin hat mich diese Woche daran erinnert.
Ihr Praxisbeispiel hat eine Frage geöffnet, die weit über das Gesundheitswesen hinausgeht.
Für Modern Mobility führt sie direkt zu TEI.
Denn wenn wir Europas nächste Generation von Transport- und Energieinfrastruktur bauen, reicht es nicht, nur zu fragen:
Was können wir bauen?
Wir müssen auch fragen: Was passiert, wenn wir falsch liegen?
Und noch wichtiger: Wer wird es rechtzeitig merken?
Vielleicht entscheidet sich genau daran, ob die nächste Generation unserer Infrastruktur ein Vermögenswert wird, oder ein Vermächtnis unserer Fehlentscheidungen.
Danke, Frau Steinmetz, für den Gedanken.
Diesen Artikel verdanke ich einer Apothekerin.